BHR OX bauhaus reuse

Erbe der Moderne – Zukunft der Stadt

©Architektenkammer Berlin/Boris Trenkel

„Alles neu macht der Mai“, sagt das Sprichwort. In 2019 macht der Mai alles „reused“. Und das mal Zwei. Mit der Eröffnung des bauhaus reuse auf dem Ernst-Reuter-Platz sind die namensgebenden Fassaden-Elemente aus dem Bauhaus Dessau zum zweiten Mal erfolgreich wiederverwendet worden. Das temporäre Gebäude misst 174 Quadratmeter auf einer 12.250 Quadratmeter großen Insel: ein X auf der Stadtkarte inmitten von einem großen Kreis, einem Gartendenkmal der Moderne, mit U-Bahn-Anschluss, umgeben von vier Spuren automobilem Stadtverkehr, mitten in der Stadt.

Neu ist: Zum 100. Bauhaus-Jubiläum entstand mit dem gläsernen Pavillon für die kommenden Jahre ein öffentliches Zentrum an dem Lernen, Forschen, Arbeiten und zivilgesellschaftliche Beteiligung im Dialog stattfinden. Transdisziplinarität heißt das Stichwort. Dieses steht für einen lebendigen Austausch zwischen Forschung, akademischer Bildung, fachpraktischer Ausbildung und der allgemeinen Öffentlichkeit der Stadtgesellschaft.

Der Ansatz am historischen Bauhaus war aus heutiger Sicht transdisziplinär. Der Forderung „wir alle müssen zum Handwerk zurück“, um Kunst und Handwerk am Bau wieder zu vereinen, folgte tatsächlich eine neuerliche Verbindung von Praxis und Theorie, von Studium und Ausbildung. Es entstand eine besondere Form der Lehre, die das Praktische und das Akademische auf eine Ebene stellte – und zueinander in Wert setzte. Dies bildet allgemein die Basis für Transdisziplinarität. Wobei ein weiterer grundlegender Teil der Definition, die gleichberechtigte Teilhabe und der produktive Dialog mit der Gesellschaft, am Bauhaus letztendlich aufgrund der damaligen politischen Umstände nicht verwirklicht wurden.

Dieser wesentliche Aspekt ist verbunden mit Gleichstellung, Partizipation und interaktiver Beteiligung.
Daraus folgt eine spannende Auseinandersetzung mit den Leitbildern der Moderne einerseits und der aktuellen Debatte in Politik, Gesellschaft und Stadtentwicklung andererseits, die das Programm von bauhaus reuse vielseitig aufgreift.

Campus Charlottenburg
Das bauhaus reuse ist zugleich eine Pilot-Plattform für den Campus Charlottenburg, der auf eine Initiative des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf, der TU Berlin und der UdK Berlin zurückgeht. Im Mittelpunkt der Initiative steht räumlich der Ernst-Reuter-Platz als öffentlicher Dreh- und Angelpunkt für den Wissenschafts- und Bildungsstandort.

Eng verbunden mit der Transdisziplinaritäts-Strategie der TU Berlin planen den konkreten Auftakt zwei transdisziplinäre Projekte: ein Projekt zur Sanierung der Stadtmöblierung auf dem Ernst-Reuter-Platz mit Studierenden der TU Berlin und Auszubildenden der Knobelsdorffschule, sowie ein Symposium zum Thema Emanzipation in der Moderne in Kooperation mit dem Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) an der TU Berlin und performativen künstlerischen Arbeiten.

Also: open bauhaus, komm und mach…
Das bauhaus reuse ist offen im Sinne von öffentlichen Angeboten und der Beteiligung von Mitwirkenden aus unterschiedlichen Professionen und Hintergründen. Das Programm reicht über das Bauhaus-Jahr hinaus: eine mehrjährige, tatsächliche, transdisziplinäre Werkstatt, Diskurs, Praxis und performative Projekte – Machen mit offenem Ergebnis, nicht nur als Kür im Jubiläumsjahr. Dies spiegelt sich in den Themen, in den Kooperationen und den Gästen wider. Dafür ist das bauhaus reuse als multifunktionale Projektwerkstatt ausgestattet.

Geleitet und kuratiert werden das Zentrum und die Programminhalte durch die zukunftsgeraeusche GbR, die ebenso Urheberin und Eigentümerin des bauhaus reuse ist.

Info-Ort, Lounge, Virtuelles Bauhaus und kostenfreies W-Lan
Neben den Programmpunkten ist das bauhaus reuse ein offener Raum, ein „open public indoor space“, zum Sitzen, zum Schauen, zum Aufenthalt auf dem Platz. Offen stehen eine Lounge mit Informationsangeboten aus den Projekten und zum Ort Ernst-Reuter-Platz, eine Info-Bibliothek (Archiv) und die interaktive Virtual-Reality-Application Virtual Bauhaus (vgl. Öffnungszeiten).

Ort der Moderne
Der Ernst-Reuter-Platz ist hierfür prädestiniert und ein besonderer Ort. Als Vorzeigeprojekt im Nachkriegs-Berlin, in Abgrenzung zur NS-Vergangenheit und Ost-West-Achsenplanung, entstand der Platz nach einer städtebaulichen Konzeption von Bernhard Hermkes aus dem Jahr 1955. Mit einer freien und leicht wirkenden Freiraum- und Platzgestaltung von Werner Düttmann, die das heutige Gartendenkmal ausmacht, wurde dieser zwischen 1959 und 1960 fertiggestellt.
Heute ist der Platz ein signifikantes Konglomerat aus dem Erbe der Nachkriegsmoderne: aus dem Geist von Demokratie und Fortschritt, einstmals autogerechter Verkehrsplanung und öffentlichem Raum, historischen Gebäuden und Bauten der 50‘, 60‘ und 70‘ Jahre sowie einem hoch frequentierten Bildungs- und Wissenschaftsstandort. Es ist ein gewordener Ort der Moderne, so gesehen, ein „Zeitreisender“ durch die Geschichte der modernen Stadt und Stadtgesellschaft, mit einer genauso diversen Vergangenheit wie heutigen Wahrnehmung im Stadtbild und durch die Stadtbevölkerung.

bauhaus reuse – reuse
Zuvor befand sich das bauhaus reuse für drei Jahre, von Mai 2015 bis Ende April 2018, am Bauhaus-Archiv in Berlin-Tiergarten und inspirierte dort als transparentes Entree mit den Neubau für die aktuelle Museumserweiterung. Vorab deren Baubeginn begann der geplante Umzug nach Charlottenburg.

Als wiederverwendbarer Bausatz, konnte das komplett zerlegbare Gebäude mit 43 Fassaden-Elementen und Türen, die aus der großen Nachkriegssanierung des weltberühmten Dessauer Bauhauses zum 50. Jubiläum von 1976 stammen, vollständig ab- und wiederaufgebaut werden. Den Aufbau übernahmen Bauauszubildende der Knobelsdorff-Schule Berlin.

Mit dem bauhaus reuse auf dem Ernst-Reuter-Platz gelingt die Wiederverwendung der Wiederverwendung und damit ein pointierter Beitrag zur Debatte über den wertigen Umgang mit gebauter Umwelt und modernem Bauerbe.

Themen: Erbe der Moderne – Zukunft von Stadt und Gesellschaft
Unter dem Programm-Titel BHR OX treffen aktuelle Fragen an die Moderne, an deren Erbe und an die Zukunft aufeinander: Was lernen wir aus der Moderne für die Zukunft von Stadt und Gesellschaft?

Die Schwerpunkt-Themen der kommenden Jahre befassen sich mit modernen Gesellschaften, Politik und Baukultur, Wohnen, nachhaltiger Stadtentwicklung und Kreislaufstrategien sowie der Zukunft von Bildung und Arbeit.

Wobei ein weiterer Fokus auf dem transnationalen Austausch in Mittel- und Osteuropa liegt. Beginnend in 2019 mit dem Festival re:bauhaus, das sich der gesellschaftlichen Emanzipation und den politischen Bedingungen im Kontext von Bauhaus und funktionalistischer Moderne in Mitteleuropa widmet.

Dabei stehen das Konzept von bauhaus reuse und das Programm BHR OX für das Wiederverwenden und Weiterdenken im doppelten Sinn, aus materieller und soziokultureller Perspektive.

Das Programm findet statt mit studentischen Seminaren und fachpraktischen Workshops, Recherchen und Feldstudien, mit offenen Gesprächsrunden, Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen, performativen Projekten, Musik- und Theaterveranstaltungen, Filmvorführungen und Ausstellungen sowie Young Labs und Open Labs für Schulklassen und Erwachsene – stets in der Öffentlichkeit und mit einer Vielzahl an öffentlichen Angeboten