Reserviertheit, Intellektualität und Blasiertheit – Welche Eigenschaften fördern Integration?

DQDS at bauhaus reuse, Berlin, 2017, © zukunftsgeraeusche

Prof. Dr. Martina Löw

Die Diskussionsreihe „Die Qualität der Stadt“ (DQDS) befasst sich im Herbst 2017 mit dem Schwerpunkt „Die Performativität der Stadt – Emanzipation und Integration in der Stadtgesellschaft“. Der Titel basiert, wie leicht zu erkennen ist, auf Georg Simmels Analyse der großen Stadt als Ort der räumlichen Dichte von Unterschiedlichem. Diese Dichte produziert Integrationsherausforderungen, setzt aber auch die Möglichkeit frei, jenseits zu enger sozialer Zwänge sich zu entfalten/sich zu emanzipieren.

Bekanntermaßen hat Simmel mit dem Text „Die Großstädte und das Geistesleben“ (1903) die Grundlagen für die Herausbildung einer Stadtsoziologie und später der urban studies gelegt. Wie Johanna Hoerning und Gunter Weidenhaus im Simmel Handbuch (hrsg. von Hans-Peter Müller und Tilman Reitz) aufzeigen, arbeitet Simmel in seiner Analyse großer Städte sowohl mit einer anthropologisch-räumlichen als auch mit einer historisierend-ökonomischen Argumentationsfigur. Georg Simmel, der zu Kants Materiebegriff promoviert und zu Kants Lehre von Raum und Zeit habilitiert hat, führt mit seinem grundlegenden Aufsatz zu einer „Soziologie des Raumes“ (1903) zudem den Raumbegriff als Grundbegriff in die Soziologie ein. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass „Die Großstädte und das Geistesleben“ sowie „Soziologie des Raumes“ im gleichen Jahr verfasst wurden. Simmel, so zeigen Hoerning/Weidenhaus, begreift die Großstadt sowohl über die sich durchsetzende Geldwirtschaft, mit der qualitative Unterschiede zwischen den Dingen und zwischen Menschen auf einen quantitativen Tauschwert reduziert werden, als auch über die räumliche Dichte von Unterschiedlichem, wodurch sowohl eine indifferente Haltung als auch eine neue Freiheit resultiert. 1908 fügt Simmel den raumsoziologischen Text in leicht veränderter Weise unter dem neuen Titel „Der Raum und die räumliche Vergesellschaftung“ in sein Buch „Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung“ ein und stellt damit Raum als eine wesentliche Form der Vergesellschaftung vor. Gesellschaft entstehe, so führt er einleitend aus, wenn das isolierte Nebeneinander zu Formen gestaltet werde. Eine Form, mittels derer die Individuen zu Einheiten zusammengefasst werden, sei der Raum (ausführlich siehe Löw 2001, S. 58ff.). Der gedankliche Schritt von der „Stadt als Einheit“ (Simmel 1995, orig. 1903, S. 137) zur Stadt als raumstrukturelle Form, wie sie später in der Theoriebildung zur Eigenlogik von Städten entwickelt wurde, ist nur ein kleiner Schritt (Berking/Löw 2008; zur Relevanz von Simmel für die Eigenlogik-Forschung siehe auch Hoerning/Weidenhaus 2018). Bis heute wird Simmel regelmäßig als Gründungsvater der soziologischen Raum- und Stadtanalyse gewürdigt. Es steht außer Zweifel, dass er die gesellschaftswissenschaftlichen Schlüsselaspekte von Raum herausgearbeitet hat und auch sein Stadtessay gilt als soziologischer Klassiker. Dass die Soziologie Simmel die Zusammenführung der Themenfelder Stadt und Raum verdankt, findet dagegen bislang noch weniger Berücksichtigung.

Bei Simmel ist die Großstadt ein Ausdruck der modernen Gesellschaft und Raum ein analytischer Zugang zum Verständnis der modernen Gesellschaft. In der – vielleicht noch einflussreicheren – marxistischen Stadtsoziologie, wie sie Henri Lefebvre vertritt, wird der Raum selbst gemeinsam mit der Stadt (bzw. dem Urbanen) zum Produkt moderner Gesellschaften. Wie Simmel veröffentlichte auch Lefebvre jeweils einen Schlüsseltext zum Thema Stadt „La Révolution urbaine“ (1970) sowie zum Thema Raum „Production de l’espace“ (1974). Lefebvre sucht, wie Ignacio Farias (2011) sehr passend zusammenfasst, auf die Frage, wie fortschreitender Kapitalismus organisiert ist, die Antwort nicht etwas – wie zu erwarten gewesen wäre – in der Reorganisation industrieller Produktion in Städten, sondern „suggested that capitalism was undergoing an urban revolution, in the sense that the production of (urban) space, and not industrial production, was becoming the main process determining the advancement and functioning of capitalism“ (Farias 2011, S. 367f.). Immer hätten Gesellschaften Städte hervorgebracht und zwar auf für die Gesellschaft typische Weise, neu mit dem Kapitalismus sei die „globale und totale Produktion des sozialen Raums“ (Lefebvre 2014, orig. 1970, S. 165), der ein urbaner ist. Lefebvre argumentiert, dass im 16. und 17. Jahrhundert, beginnend mit Galileo, Menschen symbolisch ihren Platz in der Welt verloren hätten und zugleich begannen, sich in den Städten selbst zu situieren (Lefebvre 1991, orig. 1974, S. 272). „Space and time were urbanized“ (ebda., S. 277). Parallel beginnt mit dem Kolonialismus die Geschichte der Homogenisierung von Raum durch Raumvermessung und –kontrolle. Der Kapitalismus bemächtigt sich des Raumes. Lefebvre spricht auch von der „homogeneous matric of capitalistic space“ (Lefebvre 1991, orig. 1974, S. 227). Auf die Homogenisierung folgt die vollständige Verstädterung der Gesellschaft. „Das Stadtgewebe beginnt zu wuchern, dehnt sich aus und verschlingt die Überbleibsel des ländlichen Daseins“ (Lefebvre 2014, orig. 1970, S. 9, kursiv im Original). Bei Lefebvre ist es der Staat, der die Rivalität von Stadt und Land ausnutzt, indem er von beiden Besitz ergreift und dann die Stadt fördert (ebda., S. 18). Die „Wiedergeburt des Logos“ ist für Lefebvre Folge des „Wiedererstehens des Stadtwesens“ (ebda.) – nicht umgekehrt. Die Stadt entwickelt sogar ihre „eigene Schrift: den Plan“ (ebda, kursiv im Original). Folge der Stadtprojektionen auf den Plan, die zunehmend in ein geometrischen Koordinatensystem übertragen werden, sei: „Der idealistische und zugleich realistische Blick, der Blick des Geistes, der Macht, richtet sich auf die Vertikale, in den Bereich der Erkenntnis und der Vernunft, beherrscht und schafft so ein Ganzes: die Stadt“ (ebda., S. 19). Über den Plan werde die räumliche Vorstellung von der Stadt als Ganzes zur sozialen Realität.

Auch Lefebvre arbeitet, wie zuvor Simmel, mit der Konstruktion der Form, um das Phänomen Stadt und die Verstädterung zu beschreiben. „Das Urbane ist also eine reine Form: der Punkt der Bewegung, der Ort einer Zusammenkunft, die Gleichzeitigkeit. Diese Form hat keinerlei spezifischen Inhalt, aber alles drängt zu ihr, lebt in ihr“ (ebda., S. 128). Da die Stadt keine eigene Produktions- und Lebensweise mehr prägt, spricht Lefebvre oft vom Urbanen statt von der Stadt. Dieses Urbane ist an die Form gebunden und über die Form der Stadt ist das Urbane weitgehend kalkulierbar, quantifizierbar und planbar, bis auf das „Drama, das aus dem Nebeneinander (…) der Elemente entsteht“ (ebda, S. 129). Das Heterogene, ein notwendiger Ausdruck der Stadt, sei erstens unkalkulierbar und gäbe zweitens der Stadt einen je spezifischen Inhalt. Mit dem Urbanen lebt die Gesellschaft, so kann man mit Lefebvre das Simmelschen Spannungsfeld zwischen Emanzipation und Integration erweitern, im unauflösbaren Widerspruch zwischen Kalkulation/Plan/Quantität und nicht planbarer, als chaotischer erfahrbarer, je spezifischer Heterogenität. Das ist der Widerspruch, so möchte ich die Diskussionen in DQDS auch zusammenfassen, den es zu gestalten gibt. Er ist unentrinnbar, wenn man in und mit Städten leben will. Wer diesen Widerspruch aufgibt, der verliert auch die Stadt, denn sie lebt von der Heterogenität ihrer Elemente, die sich der Kalkulation entziehen.

Literatur

Berking, H./Löw, M. (Hg.) (2008): Eigenlogik der Städte. Neue Wege für die Stadtforschung. Frankfurt a.M./New York.

Farias, I. (2011): The politics of urban assemblages. In: City: analysis of urban trends, culture, theory, policy, action, 15:3-4, 365-374.

Hoerning, J./Weidenhaus, G. (erscheint 2018): Simmel als Ahnherr der Stadtsoziologie und der Urban Studies. In: H.-P. Müller/Reitz, T. (Hg.): Simmel-Handbuch. Begriffe, Hauptwerke, Aktualität. Berlin

Lefebvre, H. (2014, Orig. 1970): Die Revolution der Städte. Hamburg.

— (1991, Orig. 1974): The Production of Space. Cambridge/Oxford.

Löw, M. (2001): Raumsoziologie. Frankfurt a.M.

Simmel, G. (1995, orig. 1903): Soziologie des Raumes. In: Georg Simmel Gesamtausgabe. Band 7: Aufsätze und Abhandlungen 1901-1908. Band I. (hg. R. Kramme, A. Rammstedt, O. Rammstedt), Frankfurt/M., S. 132-183.

— (1992, orig. 1908): Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Gesamtausgabe Band II, Gesamtausgabe Band II (hg. von O. Rammstedt). Frankfurt/M.

— Simmel, G. (1957; orig. 1903): Die Großstädte und das Geistesleben. In M. Landmann (Hrsg.), Brücke und Tür: Essays des Philosophen zur Geschichte, Religion, Kunst und Gesellschaft, Stuttgart S. 227-242.