Ernst-Reuter-Platz

BHR OX bauhaus reuse at Ernst Reuter Platz, Berlin, 2019, © zukunftsgeraeusche/jad

 

Städtebau und Architektur des Ernst-Reuter-Platzes

Ein Text zur Geschichte des Ernst-Reuter-Platzes
von Harald Bodenschatz (mit freundlicher Genehmigung des Autors)

Der Ernst-Reuter-Platz ist nicht irgendein Platz Berlins, sondern ein ganz
besonderer Platz, eine zentrale Adresse der City West, ein einzigartiges
Dokument des West-Berliner Nachkriegsstädtebaus. Schon vor dem Fall der
Mauer war dieser Platz etwas in Vergessenheit geraten. Heute aber bewegt er
wieder die Gemüter: Er lässt niemanden kalt, er wird geliebt, oder er wird eben
nicht geliebt.

Es gibt zwei große, konträre Erzählungen über diesen Platz: Eine davon, eine
Hymne an den Platz, konnte man am 19. November 2011 im Tagesspiegel lesen:
„Der Platz sagt: Hier ist Fortschritt, hier ist die Demokratie. Hier ist der
Neuanfang. Hier ist das freie Denken. […] Der Ernst-Reuter-Platz mit seinen
spiegelnden Fassaden wirkt […] kühl und distanziert. Der kühne Geist der
Moderne ist hier wie nirgendwo sonst in Berlin zu spüren. Noch immer.“ Diese
Hymne hat der Journalist Hartmut Wewetzer verfasst. Kritischer hingegen
äußerte sich Henry Nielebock, früher Assistent bei Professor Dietmar
Grötzebach an der TU Berlin, in seinem 1996 erschienenen Grundlagenwerk
„Berlin und seine Plätze“: „Unterwerfung unter die Kriterien des schnellen
Fahrverkehrs, Herabzonung und Abstandsregelung sowie die von Bindungen der
traditionellen Bauflucht befreiten, losgelösten Baukörper bedeuteten in ihrer
Summe das vorläufige Aus des über Jahrhunderte gewachsenen und bewährten
Stadtplatzes.“ (S. 128)

Meine Ausgangsthese lautet: Der Ernst-Reuter-Platz ist natürlich beides, ein
eindrucksvolles städtebauliches Manifest seiner Zeit, ein Kind der 50er Jahre,
des kalten Krieges, der autogerechten und aufgelockerten Stadt, ein Platz für
Wissenschaft und Wirtschaft. Er ist aber auch ein etwas starres Manifest, das
den veränderten gesellschaftlichen Herausforderungen an eine zukunftsfähige
Stadt ohne Weiterentwicklung nicht mehr gewachsen ist.

Vergessene Geschichte des Platzes

Bis nach dem Zweiten Weltkrieg gab es an dieser Stelle keinen richtigen Platz,
sondern das so genannte Knie., das den Knick der axialen Verbindung zwischen
den beiden Schlössern in Berlin und Charlottenburg vermittelte. Eine Karte aus
dem Jahr 1777 zeigt links einen Sternplatz, den heutigen großen Stern, rechts
das Schloss Charlottenburg, und in der Mitte als Kreuzung von zwei Achsen den
heutigen Ernst-Reuter-Platz. Die Straße vom Schloss Charlottenburg wiederum
führte über diese Kreuzung zu einer Fasanerie und hieß später Kurfürstenallee.
Die Kreuzung war also ein Dokument des barocken Städtebaus. Seit etwa 1830
wurde diese Kreuzung Knie genannt.

System der barocken Achsen, 1777 (Quelle: Sonja Miltenberger: Charlottenburg in historischen Karten und Plänen. Berlin 1998, S. 27)

Noch 1857, kurz vor dem stürmischen Wachstum Berlins, war dieses System
barocker Achsen weitgehend unverändert. Die Kurfürstenallee erschloss nun
nicht mehr die Fasanerie, sondern den Zoologischen Garten. Erst mit der
rasanten Entwicklung der Großstadt Berlin gegen Ende des 19. Jahrhunderts
wurde diese Kreuzung komplexer: Auf einer Karte von 1910 sind die beiden
neuen Straßen zu erkennen, die das Knie zu einem Verkehrsknotenpunkt
machten: zum einen die Hardenbergstraße, die direkt zum Zentrum des Neuen
Westens um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche führte, und die Marchstraße,
die zum Arbeiter- und Industriebezirk Moabit führte. Gut sichtbar sind auf der
Karte auch der U-Bahnhof und die vielen Linien der Straßenbahnen.

Die Kreuzung Am Knie, um 1910 (Quelle: Straubes Übersichtsplan Berlin 1910)

Diese komplexe Kreuzung veränderte sich bis zum Zweiten Weltkrieg nicht
mehr wesentlich. Ein Luftbild von 1930 zeigt deutlich das Kontinuum der
kaiserzeitlichen Stadt, das Knie war keine Barriere, sondern vermittelte von Ost
nach West und von Süd nach Nord. Die Kurfürstenallee war noch ein –
wenngleich zweitrangiger – Teil des Straßensystems. In der
nationalsozialistischen Zeit wurde das Knie nicht grundlegend verändert,
allerdings wurde um eine Mittelinsel seit 1937 eine Art Kreisverkehr eingeführt.
Im Kriege wurde die Bebauung am Knie weitgehend zerstört.

Am Knie, 1930 (Quelle: Richard Schneider (Hg.): Berlin aus der Luft. Zerstörungen einer Stadt 1903-1993. Berlin 1994, S. 70)

Nach 1945 dominierte das Leitbild der aufgelockerten, autogerechten Stadt, das
radikal mit der Stadt des 19. Jahrhunderts brechen wollte. Ein frühes Dokument
ist das Foto eines Modells, an dem das Planungskollektiv um Hans Scharoun
1946 die Prinzipien der neuen Stadt demonstrieren wollte. Der spätere Ernst-
Reuter-Platz war eine Schnellstraßenkreuzung, an das alte Berlin erinnerte nur
mehr das Rathaus Charlottenburg.

1947 wurde von Walter Moest der so genannte Zehlendorfer Plan vorgelegt. Auf
diesem Plan war das Knie als Kreisplatz zu erkennen, die Kurfürstenallee war
abgehängt und verlor jede Bedeutung. Die Hardenbergstraße und die
Marchstraße waren Teil eines Schnellstraßenringes. Der Platz sollte wie bei
Hans Scharoun zu einem Zentrum des Autoverkehrs werden. Beide Pläne
wurden nicht umgesetzt, prägten aber in ihrer autogerechten Haltung den
weiteren Städtebau.

Vision der neuen Stadt, rechts unten das Gebiet des späteren Ernst-Reuter- Platzes, Beitrag zur Ausstellung „Berlin plant“ im Berliner Schloss, 1946 (Quelle: Bodenschatz: Platz frei für das neue Berlin. Berlin 1987, S. 138)

Zehlendorfer Plan, 1947: Zentrum des Neuen Westens (Quelle: Walter Moest: Der Zehlendorfer Plan. Berlin 1947, S. 44)

Während West-Berlin in den Folgejahren fleißig vor sich hin plante, wurde in
Ost-Berlin bereits gebaut. Schon 1952 lag der Ausführungsentwurf von
Hermann Henselmann für den Strausberger Platz vor, den ersten repräsentativen
neuen Stadtplatz nach dem Krieg in Berlin. Geplant war eine kreisförmige
Verkehrsführung um eine grüne Insel mit Brunnenanlage, flankiert von einer
geschlossenen Bebauung. Das war ein Schock und setzte die Verantwortlichen
West-Berlins unter starkem Druck.

Der Senat antwortete in unserem Gebiet zunächst mit einer
Umbenennungsoffensive. 1953 wurde das Knie zu Ehren des ersten Regierenden
Bürgermeisters West-Berlins in Ernst-Reuter-Platz umbenannt, die
Charlottenburger Chaussee wurde zur Straße des 17. Juni. Schon 1950 war aus
der Kurfürstenallee die Hertzallee geworden. 1953 begann schließlich die
mehrjährige Suche nach einem detaillierten städtebaulichen Konzept. Noch
1953 wurde ein Modell der Senatsbauverwaltung vorgelegt, das einen
Riesenverkehrsplatz zeigt, der von einigen nicht sehr hohen Neubauten etwas
ungelenk flankiert wurde. Damit war man offenbar nicht zufrieden. 1955 erhielt
Bernhard Hermkes den Auftrag des Senators für Bau- und Wohnungswesen zur
Gestaltung des Ernst-Reuter-Platzes. Die Planung war Ende 1955
abgeschlossen. Damals lag der Platz noch weitgehend brach.

Modell des Ernst-Reuter-Platzes, Ende 1955 (Quelle: Architekturmuseum der
TU Berlin)

Das Modell des Ernst-Reuter-Platzes präsentiert das ursprüngliche
städtebauliche Konzept. Wir sehen zunächst einen ordentlichen Kreisverkehr um
eine riesige Mittelinsel, auf der ein Wasserbecken mit Springbrunnen
vorgesehen war. Die fünfeckige Form des Beckens wird später wieder
aufgegeben werden. In der Frage der Mittelinsel unterschied sich der neue Platz
noch wenig vom Strausberger Platz oder auch von früheren Entwürfen etwa für
den Reichskanzlerplatz oder den Alexanderplatz. Entscheidend war aber die
Gruppierung der Bauten. Während in Ost-Berlin eine geschlossene
Platzbebauung in traditioneller Architektursprache entstand, orientierte Hermkes
auf eine Komposition von Solitärbauten in moderner Architektursprache, die
miteinander durch Brückenbauwerke verbunden sein sollten, angereichert um
ein Hochhaus. Allerdings erwiesen alle Gebäude der großen Ost-West-Achse
ihre Referenz, denn sie stehen parallel oder im rechten Winkel zu ihr. Auffällig
war weiter die Höhendifferenzierung: Das Hochhaus beherrschte die
Komposition, die zwei den Platz prägenden Dreier-Scheibengruppen bildeten
bescheidenere Hochhäuser, alle weiteren Gebäude, die nicht direkt am Platz
standen, waren deutlich niedriger.

Die Komposition war also zentralistisch hierarchisiert. Sie war außerdem
erstaunlich starr, denn sie erlaubte eigentlich keine Verschiebung der Gebäude,
keine Abweichung von den geplanten Höhen, insbesondere erlaubte sie keine
Anbauten. Jede Abweichung hätte das Gesamtkonzept gestört. Eine solche
Komposition setzte eigentlich sozialistische Verhältnisse voraus, zumindest eine
äußerst starke Senatsbauverwaltung. Interessant ist ein weiterer Aspekt: Die
Komposition war rein formaler Art, Bauherren und Nutzer standen bei ihrer
Verabschiedung noch nicht fest, sondern mussten erst gesucht werden. Das war
ein gewisses Problem: Denn nur ein Nutzer konnte sich städtebaulich
herausheben: derjenige des Hochhauses. Die Nutzer der sechs gleichen Scheiben
konnten nur über eine auffällige Schaufassade auf sich aufmerksam machen.

Das Modell hatte noch eine andere, heute nicht gleich verständliche Botschaft:
Der neue Platz sollte nicht nur das neue Berlin am Knie symbolisieren, sondern
auch – wie das Hansaviertel – den Auftakt für eine radikalen Umbau der übrigen
Stadt bilden – in Richtung eines modernen, autogerechten, aufgelockerten, durch
Solitäre komponierten Berlin von morgen, das nicht mehr an die Vergangenheit
erinnern sollte. Der im Modell sichtbare harte Bruch zwischen dem neuen Platz
und seiner alten Umgebung war insofern nur als vorübergehend gedacht.

Umschlag einer Postkartenserie der Senatsbauverwaltung, in der Mitte das
Osram-Haus, links das Telefunken-Haus, rechts das Pepper-Haus, 1962

Umschlag einer Postkartenserie der Senatsbauverwaltung, in der Mitte das
Osram-Haus, links das Telefunken-Haus, rechts das Pepper-Haus, 1962
Die Bebauung des Ernst-Reuter-Platzes startete bereits 1955 unabhängig von der
Hermkes-Planung. Denn in diesem Jahr begann der Bau des Komplexes für die
Fakultät Bergbau und Hüttenwesen nach Plänen von Willy Kreuer. Ein
dreigeschossiger Flachbau an der östlichen Seite des Hochbaus riegelte die
ehemalige Kurfürstenallee ab und transformierte diese zu einem TU-internen
Weg bzw. Parkplatz. Der Bau war 1959 fertig gestellt. Willy Kreuer lieferte
übrigens 1955 gleich noch ein eigenes Modell für einen modernen Ernst-Reuter-
Platz, das ebenfalls ein Hochhaus zwischen Otto-Suhr-Allee und Bismarckstraße
vorsah. Anders als Hermkes ordnete er seine Leitbauten nicht der Ost-West-
Achse unter. Das Konzept von Kreuer zeigt, dass 1955 die Gestalt des Platzes
noch umstritten war.

Das Osram-Verwaltungsgebäude wurde als zweiter Bau am Ernst-Reuter-Platz
nach Entwurf von Bernhard Hermkes für die Verwaltung der Osram GmbH in
den Jahren 1956-57 errichtet, ein Gebäude, das später durch die Eternit AG
genutzt wurde. Es war zugleich das erste Haus, das nach dem städtebaulichen
Konzept von Hermkes realisiert wurde. Dem Osram-Haus folgte das Haus der
Elektrizität, auch Telefunken-Haus genannt. Es wurde von 1958 bis 1960 nach
Plänen von Paul Schwebes und Hans Schoszberger errichtet. Das Hochhaus
beherrscht mit seinen 80 Metern bis heute den Platz. Das Erdgeschoss umfasste
ursprünglich Verkaufsräume der Telefunken GmbH und einzelne Läden. Das
erste Obergeschoss enthielt Ausstellungsräume für Telefunken. 1960 begann der
Bau von zwei weiteren Gebäuden. Das IBM-Gebäude wurde von 1960 bis 1961
auf Grundlage eines Wettbewerbs nach Plänen von Rolf Gutbrod für die
Internationale Baumaschinen GmbH realisiert. Schließlich entstand 1960 bis
1962 das Büro- und Geschäftshaus der Rundfunkgroßhandlung Karl-Heinz
Pepper GmbH nach Plänen von Franz Heinrich Sobotka und Gustav Müller. Im
Erdgeschoss waren Läden und Ausstellungsräume vorgesehen. Das Haus wurde
auch durch die Hochschule der Künste genutzt. Der Flachbau diente als
Bauzentrum Berlin.

Nach längerer Pause wurde 1966 bis 1968 das Gebäude der Fakultät Architektur
nach Plänen von Bernhard Hermkes errichtet. Dieser Bau vollendete das
Dreischeibenmodell auf der Nordseite des Platzes. Es erhielt 1970 einen
zusätzlichen Flachbau nach Plänen von Hans Scharoun, der allerdings nicht
mehr dem städtebaulichen Konzept von 1956 entsprach. Erst Anfang der 1970er
Jahre entstanden das Raiffeisenhaus von Hans Geber und Otto Risse (1974)
sowie das Fernmeldegebäudevon Bernhard Binder (1972-1974). Vor allem
letzteres markierte einen harten Bruch mit dem städtebaulichen Konzept von
1956. Statt einer schmalen, eleganten Scheibe erhob sich nun ein massiger,
wuchtiger Koloss, der nicht mehr freigestellt wurde. Auch die beiden großen
Scheiben im Norden des Platzes, das 1966 bis 1968 nach Plänen von Günter
Hönow realisierte Bank-Gebäude und das 1971 nach Plänen von Werner
Düttmann errichtete Verwaltungsgebäude an der Fraunhoferstraße, brachen mit
der nach außen hin herab gestaffelten städtebaulichen Konzeption von Bernhard
Hermkes.

Postkarte, 1960er Jahre

Nicht nur die Gruppierung der Gebäude, auch der große Freiraum war
Gegenstand eines umfassenden gestalterischen Konzepts. Nachdem zunächst
Walter Rossow als Landschaftsarchitekt im Gespräch war, setzte sich Ende der
1950er Jahre der Architekt Werner Düttmann durch. Er kontrastierte den
Verkehrskreisel mit einem strengen Rasternetz, das mit seinen 10 mal 10 Meter
großen Quadraten die Fußgängerbereiche und Teile der Insel überzog. Auf der
Insel plante er zwei Wasserbecken sowie 41 Springbrunnen. Die Insel wurde
1959-60 angelegt, der Fußgängertunnel, der diese Insel erschloss, wurde 1960
eingeweiht.

1965

Der Platz war bis in die 1960er Jahre hinein Gegenstand überschwänglichen
Lobes und massiver Propaganda seitens der Senatsbauverwaltung. Er wurde als
„modernster Platz Deutschlands“ gepriesen (Gausmann, Dagmar: Der Ernst-
Reuter-Platz in Berlin. Die Geschichte eines öffentlichen Raumes der fünfziger
Jahre. Münster 1992, S. 158), oder als „schönster Platz“ Berlins (ebda., 181).
Seine Wasserspiele wurden mit der Fontana di Trevi verglichen (ebda., S. 182).
Schon in den 1960er Jahren mehrten sich allerdings die kritischen Stimmen. Der
realisierte Platz konnte offenbar die Erwartungen nicht erfüllen.

Der gebaute Ernst-Reuter-Platz: ein Denkmal mit fühlbaren Mängeln

Der Ernst-Reuter-Platz im November 2011 (Foto: Harald Bodenschatz)

Heute stehen das ehemalige Gebäude der Fakultät für Bergbau- und
Hüttenwesen, das Osram-Haus, das Telefunken-Haus, das IBM-Haus, das
„Pepper“-Haus und das ehemalige Gebäude für die Fakultät Architektur als
Einzeldenkmale unter Schutz. Geschützt als Gartendenkmal ist auch die nach
Plänen von Werner Düttmann gestaltete Platzanlage. Geschützt als
Gesamtanlage sind weiter die Räume der U-Bahn. Darüber hinaus ist der von
Hermkes geplante Platz insgesamt ein Denkmalbereich, ein geschütztes
Ensemble. Dazu gehören zwei Bronzeskulpturen und die beiden 1974 fertig
gestellten Bürohäuser im südwestlichen Bereich. Damit ist der Ernst-Reuter-
Platz wie kaum ein anderer Ort umfassend mit Denkmalschutz gepanzert. Die
Bauten und die Platzfläche wurden vor allem in der Kernbauzeit zwischen 1955
und 1963 verwirklicht. Insofern kann man guten Wissens behaupten, der Platz
wird im übernächsten Jahr 50 Jahre alt.

Der Ernst-Reuter-Platz war von Anfang an nicht nur als Verkehrsknotenpunkt
gedacht, sondern auch als repräsentativer Raum, aber nicht für Politik und
Kultur, sondern als Adresse der Wissenschaften und zukunftsfähiger Industrien,
als Zeichen des Hauptstadtanspruchs und Symbol des Westens und insofern als
Alternative zum Fehrbelliner Platz aus der NS-Zeit und zum Strausberger Platz
in Ost-Berlin.

Die ursprünglich frei stehenden Solitäre versprachen öffentlichen Raum,
brachten aber vor allem Stellplatzflächen nach US-amerikanischem Vorbild. Die
introvertierten Nutzungen der privaten Verwaltungen, aber auch der TU Berlin
erweckten von Anfang an in der Öffentlichkeit den Eindruck einer gewissen
monofunktionalen Öde. Nicht nur Senatsbaudirektor Werner Düttmann empfahl
daher auch schon mehr Gastronomie, eine Klage, die über die Jahre anhielt.
Heute hat sich diese Situation gebessert, wenngleich noch nicht durchgreifend.
Neue Chancen bietet die Umgestaltung der Erdgeschoßzone des bisher äußerst
abweisenden Flachbaus der ehemaligen Fakultät für Bergbau und Hüttenwesen.

Mittelinsel des Ernst-Reuter-Platzes, November 2011
(Foto: Harald Bodenschatz)

Ein weiteres Problem ist, dass der Autofahrer, der Fahrradfahrer und der
Fußgänger das strenge Rasternetz von Werner Düttmann eigentlich gar nicht
erleben kann, da es sich nur von oben her erschließt – ein typisches Beispiel
einer Helikopterplanung. Das Freiflächenkonzept umfasste auch die in jeder
Hinsicht störenden Pflanzenwannen, die heute den Platz verunzieren und einen
besseren Fahrradverkehr erschweren. Die riesige innere Grünfläche bietet in der
wärmeren Jahreszeit Wasserflächen mit einem Springbrunnen, der nach langem
Hin und Her 1998 wieder vorübergehend reaktiviert werden konnte. Die runde
Insel ist schwer zugänglich und aufgrund des Verkehrslärms und des Fehlens
weiterer Angebote trotz seiner zentralen Lage völlig untergenutzt.
Das auffälligste Merkmal aber war die Funktion des Platzes als
Verkehrsknotenpunkt. Ursprünglich trafen sich dort die U-Bahn, Straßenbahnen,
Autobusse, Privatautos und Fahrräder. Die markanteste Veränderung betraf die
Aufgabe der Straßenbahn, die vorher einen Teil der Verkehrsfläche
beanspruchte und zu einer Reduktion der Fahrspuren für den privaten Verkehr
führte. Noch 1960 gab es dort nur zwei Fahrspuren. Der Platz wurde seither
mehr und mehr zu einer gigantischen Autoverkehrsschleuse, ohne dass diese
Schleuse wirklich funktional war. Jeder, der diesen Platz oft per Auto passieren
muss, und sei es mit dem Bus, kann dies bestätigen. Zudem führte der Vorrang
des privaten Autoverkehrs zu Ampelschaltungen, die es Fußgängern kaum
erlaubt, die großen Straßen auf einmal zu überqueren. Fußgängerfreundlich, das
wurde schon früh erkannt, war dieser Platz wirklich nicht.

Pflanzenkübel am Ernst-Reuter-Platz, November 2011
(Foto: Harald Bodenschatz)

Um dem Autoverkehr gerecht zu werden, wurde der Ernst-Reuter-Platz sehr,
sehr groß dimensioniert. Seine Fläche beträgt etwa 4,8 Hektar. Zum Vergleich:
Der Strausberger Platz ist etwa 2,5 Hektar groß, das eigentliche Zentrum der
City West, der Breitscheidplatz 3,7 Hektar und der nahe gelegene Savignyplatz
etwa 2 Hektar. Die Größe des Ernst-Reuter-Platzes wurde in den 1950er Jahren
noch mit Stolz vermerkt. So wurde darauf hingewiesen, dass der Platz größer sei
als der Markusplatz in Venedig, der Platz L’Etoile in Paris und sogar als der
Petersplatz in Rom (Gausmann, Dagmar: Der Ernst-Reuter-Platz in Berlin. Die
Geschichte eines öffentlichen Raumes der fünfziger Jahre. Münster 1992, S.
172, 179). Der Ernst-Reuter-Platz beansprucht in der Tat außerordentlich viel
freie Fläche in zentraler Lage, die in seiner aktuellen Form wenig genutzt
werden kann. Das ist zweifellos ein Problem.

Perspektiven für den Ernst-Reuter-Platz

Heute erscheint der Ernst-Reuter-Platz als ein Platz mit kurzatmiger Geschichte
und ohne Zukunft. Mit kurzatmiger Geschichte, weil es an diesem Ort wie an
kaum einem anderen gelungen ist, den Traum der Nachkriegsmoderne von der
Auslöschung aller Spuren der historischen Stadt zu verwirklichen. In der Tat
erinnert nichts mehr an die gut 150jährige Geschichte vor der Anlage des Platzes
Ortes. Der Platz erscheint aber auch ohne Zukunft, da es bislang nicht absehbar
ist, wie dieser Platz aufgrund seiner starren und unantastbaren städtebaulichen
Form vitalisiert werden kann.

Der Platz besitzt dennoch Potenziale. Es gilt, diese überhaupt erst einmal zu
finden und dann zu nutzen, ohne – das ist die große Herausforderung – die
städtebauliche Komposition grundlegend in Frage zu stellen. Oder mit anderen
Worten: Es gilt diesen Platz aus seiner Struktur heraus weiter zu bauen, ihn
komplexer zu machen, ihn zukunftsfähig zu machen. Dafür sollte der Panzer des
Denkmalschutzes nicht aufgegeben, aber flexibilisiert werden.
Das betrifft zuallererst die Freiflächen, die Fußgängerbereiche und die große
Insel. Hier liegt das größte Potenzial des Platzes. Das betrifft aber auch die
Gebäude, die noch stärker als bisher schon in ihren Erdgeschossen urbane
Nutzungen bieten sollten. Das betrifft die bessere Vernetzung der Gebäude mit
ihrem Hinterland. Wünschenswert wäre in diesem Kontext ein direkter
Durchgang durch den Flachbau vom Platz zur Hertzallee. Der Ernst-Reuter-
Platz, das wäre eine weitere Aufgabe, müsste besser von Süd nach Nord
vermitteln, von der City West nach Moabit. Er muss auch von Ost nach West
vermitteln, er ist der Endpunkt einer einzigartigen Wissenschaftsachse, die von
der Humboldt-Universität zur TU Berlin führt. Es gibt bislang keinen direkten
öffentlichen Verkehr zwischen diesen beiden großen City-Universitäten. Damit
komme ich zum Aspekt der Repräsentation. Der Platz ist heute noch oder wieder
ein Standort der Wissenschaften und zukunftsfähiger Wirtschaftsunternehmen.
Drei der vier bedeutendsten Gebäude des Platzes werden von der TU Berlin
genutzt, aber eigentlich merkt das keiner. Dieser Platz könnte der wichtigste
Repräsentationsraum der TU Berlin sein, ist es aber nicht. Ja mehr noch, er
sollte und könnte weit intensiver durch die TU Berlin belebt werden. Letzter
aber nicht unwichtigster Punkt: Unser Land muss die Energiewende meistern.
Das bedeutet auch, dass sich der Verkehr mittelfristig verändern wird, die
Mobilität der Zukunft wird eine andere als die heutige sein. Ist der Ernst-Reuter-
Platz in dieser Hinsicht überhaupt wandlungsfähig? Ich denke, der Blick auf den
Platz mit seinen reduzierten Fahrspuren im Jahre 1960 hat gezeigt, dass selbst
das nicht unmöglich ist.

In den letzten Jahren wurde bereits viel an diesem Ort investiert. Der Platz wird
aber nur dann eine Zukunft haben, wenn es den Akteuren gelingt, ihn über
isolierte Einzelmaßnahmen hinaus weiterzuentwickeln. Doch das ist eine
Herkulesaufgabe: Die Senatsverwaltung ist willig, aber hat wenig Mittel. Der
Bezirk ist arm. Die TU Berlin verfügt ebenfalls nicht über die notwendigen
Ressourcen. Die Eigentümer am Platz engagieren sich, haben aber
verständlicherweise vor allem ihre Immobilie im Kopf. Und der Widerstand
gegen einen nachhaltigen Umbau wird groß sein. Um den Platz zukunftsfähig zu
machen, bedarf es daher einer politisch von höchster Stelle gewollten und
geförderten konzertierten Aktion. Zuallererst muss aber die
Grundsatzentscheidung getroffen werden, ob der Platz überhaupt zukunftsfähig
umgebaut werden soll – als Raum und Symbol von Wissenschaft und Wirtschaft
mit besonderem Profil, vor allem als Nutz- und Repräsentationsraum der TU
Berlin, als Modell des Einstiegs in eine neue Mobilität. Dieser Ort hat mehr als
Kosmetik verdient.